Die Entstehung der Klinik

Eine Vision In den 1880-er Jahren gastierte ein englischer Geistlicher in Zürich. Er rief seine Zuhörerinnen und  Zuhörer auf: «An die Arbeit! Tut etwas für Eure Mitmenschen, für Eure Mitchristen! Lasst Eure Hände nicht ruhen! Zum mindesten könnt Ihr beten!» Unter den Zuhörern sass auch der junge Zürcher Arzt Theodor Zangger (1864- 1940). Er hatte in seiner Hausarztpraxis eine merkwürdige Vermehrung der Fälle von Nerven- und Gemütskrankheit  festgestellt.

Die Not der Betroffenen und ihrer Familien ging ihm sehr zu Herzen. Erschwerend für die Lage der Kranken war eine jammervolle Überfüllung der staatlichen Anstalten. Wochenlang bestand keine Aufnahmemöglichkeit. Die amtlichen Jahresberichte von Prof. Dr. Paul Eugen Bleuler (1877-1939), Chefarzt der kantonalen Anstalt Burghölzli (1898-1927) und Ordentlicher Professor für Psychiatrie an der Universität Zürich, spiegeln diese Not: Viele Kranke lagen auf Bodenbetten, Pfleger schliefen auf den Gängen und auch die fachliche Qualität des Pflegepersonals stufte Bleuler als bedauerlich tief ein. Zangger war tief beunruhigt. Er schreibt: «Wie viele Nächte habe ich sehr gestört durchgewacht mit den immer wiederkehrenden Gedanken, einer meiner geisteskranken Patienten, dem die nötige Pflege und Aufsicht zu Hause fehlte, könne sich in der Nacht ein Leid angetan haben.» Gottlob war dies nie der Fall. Seine Erklärung fusst auf seiner christlichen Lebenseinstellung: «Schutz und Schirm, von welchem die Menschen oft nichts wissen oder nichts wissen wollen».

In ihm wuchs eine Idee: die Gründung einer privaten, christlich geführten, gemeinnützigen Nervenheilanstalt, «in  welcher solche Kranke liebevolle Pflege erhalten könnten». 1902 veröffentlichte er eine Broschüre «an ein mildtätiges Publikum gewendet»: «Die Lage unserer Geisteskranken». Darin bat er – ohne Erfolg – um Gaben
für ein privates «Asyl für Gemütskranke». Ungeahnt kam im November 1903 Hilfe von aussen. Eine Patientin und Witwe eines kürzlich verstorbenen lieben Freundes eröffnete ihm, dass sie die Hälfte des Vermögens einem wohltätigen Zweck vermachen wolle. Testamentarisch hinterlegte sie Fr. 200´000 für den Bau einer Klinik. Sie knüpfte das Legat an einen Wunsch: «Lieber Herr Doktor, ich möchte gerne noch die Eröffnung der Anstalt selbst miterleben.» So sagte sich Zangger: «Also voll Mut und Gottvertrauen an die Arbeit!» Er suchte Gesinnungsfreunde und fand diese in Pfarrer Rudolf Bodmer-Hess, Dr. iur. Dietrich Schindler-Stockar, Dr. med. Oberholzer-Gerber und John Syz-Schindler.

Am 16.12.1903 wurde ein Komitee konstituiert. Ein mühevoller Weg Trotz  kapazitätserweiterungen im Burghölzli und in Rheinau konnte die Notlage im Kanton kaum langfristig gemildert werden. Auch das Privatsanatorium Kilchberg war trotz Ausbauten 1902-1906 von 114 auf 220 Betten nicht in der Lage, alle Patienten aufzunehmen. Der Kanton Zürich sah sich sogar gezwungen, 25 almosengenössige Kranke im Kanton Appenzell Ausserrhoden versorgen zu lassen und 75 ruhige Patienten in Familien mit Supervision unterzubringen. In jeder Klinik hiess es stereotyp: Nur durch Tod  oder Genesung sind noch Plätze frei. Es kamen jedoch auch positive Signale. Offizielle Stellen nahmen vom Plan Kenntnis. Der Gemeinderat Uster schrieb beispielsweise am 23.6.1904: «Mit hohem Interesse nehmen wir vom Inhalt Ihrer Broschüre Kenntnis und da unsere Behörde öfters in den Fall kommt, in amtlicher Weise mit der Versorgung von Geisteskranken zu beschäftigen und alle Mühseligkeiten bis eine Anstaltsversorgung gelingt, zu kosten, so dürfte es als selbstverständlich erscheinen, dass wir an der in Aussicht genommenen Anstaltsgründung des lebhaftesten Anteil nehmen und mit Ihnen wünschen, es möchte sich das Projekt recht bald verwirklichen lassen.

Es ist uns ein Bedürfnis, Ihnen das zu sagen und dafür zu danken, dass Sie sich der Sache, die so viele Kreise beschäftigt, in so barmherziger Weise anzunehmen.» Die kantonalen Behörden sahen keine Möglichkeit zur finanziellen Unterstützung. Eigene und bisher unterstützte Projekte  hatten Vorrang, beispielsweise die Anstalt für bildungsunfähige Kinder in Uster (Fr. 200´000), das evangelische Seminar Unterstrass (Fr. 200´000), das Heim für den Christlichen Jünglingsverein, der Neubau des Kinderspitals (Fr. 250´000), der Kinderpavillon im Lungensanatorium Wald (Fr. 100´000) sowie diverse Kinderkrippen und Jugendhorte. Oft wurde Zangger nicht mit Sachargumenten, sondern mit einem pseudofrommen Spruch getröstet: «Der Herrgott ist doch ein reicher Mann!». Er verlor den Mut und den Glauben nicht und notierte: «Und einst wird ein schlichter Bau die Wahrheit des Spruchs bestätigen, dass die Liebe niemals aufhört.»